Igura’s Lyrikmottenkiste: Teil 2 – Flucht

Beitrag von: Igura

Wie jeden Morgen in der Schulzeit, nachdem der Wecker mich aus meinen Schlaf gerissen hatte, ging ich in die Küche, wo es wunderbar nach Kaffee duftete. Ich selbst mochte keinen Kaffee, nur der herbe, aromatische Geruch reizte mich. Er weckte in mir eine vertrautes Gefühl. Eine Stetigkeit, von der es in meinem kurzem Leben noch nicht viel gab.

Ausnahmsweise bin ich an diesem Morgen sofort aufgestanden. Noch zu sehr steckte die Aufregung der letzten Nacht in meinen Knochen. Die Erinnerung an dem Erlebnis drängte mich, jemanden davon zu erzählen.

Meine Mutter hatte bereits den Frühstückstisch gedeckt, und setzte sich mit einer Tasse heißem, wohlduftenden Kaffee zu mir. Um dann damit anzufangen, mir die Schulbrote zu machen.

Ich nahm mir ein Toast und dachte an das zurückliegende Ereignis. Es war alles so klar und doch wirkte es wie ein Traum. In mir steckte das Wissen: SIE waren da! Ich wusste wer SIE waren und doch wusste ich es nicht. Es war wie eine verschwommene Ahnung, die kurz davor stand an die Oberfläche zu rücken.

Gerne hätte ich meiner Mutter von der Nacht erzählt, aber wie? Wie sollte ich ihr erklären, dass dort etwas vertrautes war, um mich zu besuchen, wenn ich doch nicht wusste, wer oder was SIE waren? Heute kann ich mir erklären, was es war. Aber damals, als ich 12 Jahre alt war, wusste ich noch nicht das, was mir heute bewusst ist.

»Ich hatte heute einen komischen Traum.« rutschte es mir plötzlich heraus. Meine Mutter wusste, dass ich schon sehr oft merkwürdige Träume hatte. Aber dieser, so wusste ich, war kein Traum.

»Ich wachte auf und eine leuchtende Gestalt verschwand am Fenster.« berichtete ich dann. Sie hätte merken müssen, dass ich mich widersprach. ›Ich wachte auf … ‹ sagte ich, aber sie starte nur auf die Scheibe Brot, die sie mir für die Schule zurecht machte. Dann machte sie weiter und meinte: »Was hältst du davon, wenn wir umziehen?«

Kaum hatte ich mich in dem kleinen Dorf einigermaßen eingelebt, sollte es schon wieder weiter gehen. Der Traum interessierte sie nicht, aber dafür der Umzug. Stetigkeit und Vertrautheit, ich sehnte mich sosehr nach ihnen. Doch ständig zogen wir um, von einem Ort zum anderen. Heute weiß ich, dass es nichts brachte. SIE sind immer da und SIE werden immer da sein. Ein Umzug bringt nichts, es gibt vor IHNEN kein entkommen.

©by Igura

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