Igura’s Lyrikmottenkiste: Teil 1 – Das weiße Reh

Beitrag von: Igura

Im Jahr 2004 hatte ich eine Phase, in der ich durch die Alienbegegnungen bedingt mich sehr intensiv mit meinem Inneren, mit der Welt allgemein und auch mit den Aliens auseinander setzte. Dabei entstanden einige Gedichte und Kurzgeschichten. Einen kleinen Teil davon hatte ich bereits veröffentlicht: „Gedichte November – Dezember 2004“.

Nach und nach sollen nun auch einige andere Sachen folgen. Den Anfang macht die Kurzgeschichte „Das weiße Reh“. Viel Spaß beim Lesen.

Das weiße Reh

Fröhlich vor sich hin summend, lief ein Mädchen in einer großen Wiese umher. Sie beobachtete die Schmetterlinge, die von Blüte zu Blüte flogen, lief ihnen hinterher und versuchte sie gelegentlich zu fangen.

Beim Fangespiel kam sie dem finsteren Wald immer näher. Der Waldrand war eine Grenze, die nicht überschritten werden durfte. Ihre Mutter hatte es ihr verboten. „Geh niemals alleine in den Wald hinein!“ ermahnte sie ihre kleine Tochter immer wieder.

Doch an diesem Tage entdeckte sie ein kleines Häschen, dass am Waldrand hockte. Es war starr vor Angst. Das Mädchen wollte das Häschen streicheln und Trost spenden, aber als sie dem Häschen näher kam, hüpfte es davon und das Mädchen lief dem kleinen Wollknäuel nach.

Plötzlich war das Häschen verschwunden. Es war fort, wie verschluckt von dem dornigen, dichten Grün um sie herum. Überall Blätter und dazwischen die gewaltigen Stämme der Bäume. Kein Vorwärtskommen, kein Rückwertsgehen. Sie war gefangen in dem für sie so finsteren Wald.

Das Mädchen wurde sich bewusst, was sie getan hatte. Das Verbot, sie hatte es vergessen und nun wusste sie keinen Ausweg aus dem bösen Wald.

Das Mädchen schaute sich um. Sie war noch ziemlich ruhig, obwohl sie ein wenig Angst hatte. Sie suchte nach einem Weg, wie sie aus dem dichten Gestrüpp herauskommen könnte und es sollte ihr auch gelingen.

Hinter dem Gestrüpp erwartete sie die ihr so bekannte Wiese und das Haus indem sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester wohnte, zu sehen. Aber statt dessen fand sie nur noch mehr dicke, knorrige Stämme vor. – Fassungslos schaute sie um sich herum.

Überall entdeckte sie finstere Gesellen, die ihr Fratzen entgegen warfen. Ein böser schreiender, schwarzer Vogel erschrak sie. Sein Schrei trieb sie weiter, immer schneller und immer tiefer in den finsteren, alles verschlingen Schlund hinein.

Platsch, einer der finsteren Gesellen hatte ihr ein Bein gestellt. Hart viel sie mit ihrem Knie auf einen Stein. Ihr Schmerzensschrei verdrang das Gekreische des schwarzen Vogels. Dafür beschwerten sich andere Vögel lautstark über das Mädchen.

Erschöpft und mit schmerzendem Knie drängte sich das Mädchen an einer alten Eiche. Verängstigt kauerte sie an der rauen Rinde des alten Baumes, der wie die vielen anderen Bäume ein finsteres Gesicht machte.

Erschrocken robbte das Mädchen vom Stamm weg. Sie hatte das Gefühl, als wolle der Baum sie fressen. Sie entdeckte einen nassen Fleck an ihrer Hose. Sie musste mit Erschrecken feststellen, dass es Blut war.

Tränen kullerten dem Mädchen die Wangen hinunter. Ihr Knie schmerzte und sie konnte nicht aufstehen. Sich verloren fühlend blieb sie mang den finsteren Gesellen sitzen. Ihr war übel und ihr Bein schmerzte höllisch, wenn sie es bewegen wollte. Verängstigt schaute sie auf ihre Hose, wo der Blutfleck allmählich immer größer wurde.

Als sie sich ein wenig gefasst hatte und aufschaute, entdeckte sie Rehe. Es waren keine normalen Rehe. Sie waren weiß und weckten in dem Mädchen ein vertrautes Gefühl.

Sie schaute in die Augen eines der weißen Rehe. Seine schwarzen, tropfenförmigen Augen bannten sie sosehr, dass sie  ihren Schmerz vergaß und sich nur noch in seiner Nähe wünschte.

Sehnsüchtig streckte sie ihren kleinen Arm dem wunderschönen Geschöpf entgegen. Das Rehlein ging darauf ein und kam näher um sich zu dem Mädchen hinunter zu beugen. Mit sanften Blick schaute es in die erschöpften, verängstigten Augen des Mädchens.

Das Rehlein wischte dem Mädchen die Tränen aus dem Gesicht und fragte: „Vor was fürchtest du dich?“ Das Mädchen schwieg, doch das Reh wusste, was sie dachte. Die Bäume mit ihren gefährlich aussehenden Fratzen machten ihr Angst. Zudem sehnte sie sich nach ihrer Mutter und nach der vertrauten Umgebung ihres Heims.

Das Reh erklärte ihr: „Du brauchst dich nicht zu fürchten. Seh‘ nur, die Bäume sind Wesen wie du und ich. Komm, ich stell sie dir vor. So wie alles andere Leben in dieser wundervollen Welt.“

„Aber ich kann nicht, mein Bein.“ widersprach sie dem Rehlein.

„Oh doch, du kannst. Schau, dein Bein ist geheilt. Komm, die Welt ist erfreut, ein kleines Mädchen wie dich kennen zu lernen.“

Zögernd stand sie auf. Wie das Reh ihr mitteilte, schmerzte ihr Bein wirklich nicht mehr. Hand in Hand ging sie mit dem Rehlein mit. Das Reh zeigte ihr die Bäume und ließ sie hören was sie zu sagen haben. Alles um sie herum erschien plötzlich in einem ganz anderen Licht. Alles war ihr freundlich gesonnen und dem Mädchen gefiel nun dieser Ort der ihr vorher soviel Furcht einflößte.

Nachdem das Rehlein ihr alles gezeigt hatte, sagte es: „Nun wird es Zeit, ich werde dich nach Hause bringen.“

Das Rehlein nahm das kleine Mädchen auf den Arm. Sie ließ dem Reh ihre Dankbarkeit spüren indem sie sich an seine Schulter kuschelte. Außerdem war sie müde, von dem Kennenlernen der vielen neuen Freunde.

Als das Reh mit der Kleinen den Waldrand erreichte und es mit ihr auf die Wiese trat, schaute sie sehnsüchtig dem Wald nach. Dankbar über die neuen Freundschaften winkte sie dem Wald nach.

©by Igura

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