Begegnungen mit gottesanbeterartigen Wesen gelten oft als besonders fremdartig und fordernd für das menschliche Bewusstsein. Doch vielleicht ist es gerade diese grenzenlose Andersartigkeit, die den Raum für neue Erkenntnisse öffnen und eine flüchtige Begegnung in eine tiefgreifende, fast schon philosophische Lektion verwandeln kann.
Ein besonders eindrucksvolles Zeugnis aus Whitley und Anne Striebers Anthologie „The Communion Letters“ – kürzlich auch vom YouTube-Kanal Mantis Encounters aufgegriffen – liest sich wie eine moderne Parabel über das menschliche Ego. Die Geschichte schildert die Begegnung einer Frau mit mehreren Mantis-Wesen, deren fremdartiger Anblick sie in nackte Panik versetzt. Doch anstatt sie zu bedrohen, initiiert eines der Wesen eine verblüffende Interaktion: Es hält ihr metaphorisch den Spiegel vor und zwingt sie, aus dem Gefängnis ihrer rein menschlichen Interpretation auszubrechen. Das führt zu einem radikalen Bewusstseinswechsel, der aufzeigt, dass oft nicht das Gegenüber die Quelle der Angst ist, sondern unsere eigene begrenzte Perspektive.
Die Vorgeschichte
Zwischen 1984 und 1985 erlebte die Zeugin eine Reihe von Phänomenen, die mit einer persönlichen Krise begannen. Während eines tiefen emotionalen Tiefs trat eine telepathische Präsenz in ihr Leben, die sie nicht sehen, aber deutlich hören und fühlen konnte. Was folgte, war ein über mehrere Nächte andauernder Dialog, der sich wie ein ‚Download‘ fremden Wissens anfühlte. Die sanfte, männliche Stimme sprach oft als Kollektiv und konfrontierte sie mit Weisheiten, Perspektiven und mitunter schmerzlichen Wahrheiten, die ihrer eigenen Denkweise völlig fremd waren. Die Erzählerin deutet an, dass sie sich dabei in einem leicht veränderten Bewusstseinszustand befand, wodurch viele der Botschaften direkt in ihr Unterbewusstsein wanderten. Die Stimme erklärte ihr jedoch, dass sie eines Tages zurückkehren würden, um ihr dabei zu helfen, sich zu erinnern. Als die Stimme verstummte, war sie wieder mit ihrem Leben im Reinen. Ihr waren Wege aufgezeigt worden, die sie für ihre Zukunft einschlagen sollte, in die auch andere Personen aus ihrem Umfeld mit eingeschlossen waren. Mangels einer anderen Einordnung interpretierte sie die Stimme dieser ‚Fürsorglichen‘ zunächst als engelhafte Wesen, denn sie glaubte, eine solche Weisheit und Liebe könne nur von himmlischen Geschöpfen stammen.
Ein paar Wochen oder Monate später, im Frühling 1985, erwachte sie in einem fremden Raum. Sie war auf einen Tisch geschnallt, der so angewinkelt war, dass ihre Füße nach oben zeigten. Sie geriet in Panik und verhielt sich dabei wie ein Tier, während eine vertraute Stimme versuchte, sie zu beruhigen, bevor sie sich mit ihrem Verhalten selbst verletzte. Ihr wurde mitgeteilt, dass ihr Becken untersucht werde. Dann verlor sie ihr Bewusstsein.
Das helle Licht
In einer anderen Nacht erwachte sie ebenfalls auf einem angewinkelten Tisch und reagierte zunächst wieder wütend, als sie erneut die vertraute Stimme in ihrem Bewusstsein wahrnahm. Die Wut wich langsam dem Gefühl der Liebe, die sie bei ihren früheren gemeinsamen Gesprächen empfunden hatte. Die Stimme informierte sie darüber, dass sie sich unten bei ihren Füßen aufhalten würde, doch die Frau bemerkte, dass ihre Sicht in diese Richtung irgendwie versperrt war. Anstatt des Wesens sah sie nur ein blendendes Licht. Sie bettelte nun darum, ob sie das Gesicht des Wesens sehen dürfte, denn in ihrer Vorstellung müsste es sicherlich genau so schön wie seine Worte sein.
Das Wesen erklärt ihr darauf, dass sie es bereits die ganze Zeit direkt angesehen hatte und das Licht in Wahrheit nicht existierte. Sie finde ihn hässlich, deshalb sehe sie das Licht anstatt seiner Gestalt. Auf ihre Frage, ob er hässlich sei, antwortet er, er halte sich für schön; sein Aussehen sei unwichtig und würde ihn selbst nicht stören.
Nach diesen Worten wird die eigene visuelle Täuschung durchbrochen und zwingen die Erzählerin, die Wahrheit hinter der Erscheinung zu sehen. Das Licht schwindet und an seiner Stelle erblickt sie ein Gottesanbeter-Wesen. Entsetzen überkommt sie.
Die Wende
Das Wesen schlägt ihr dreimal mit der Spitze einer Stange (silber‑blau) zwischen die Augen – sie empfindet dabei kurze Schmerzstöße. Danach zeigt es Besorgnis um ihr Wohl.
Sie beginnt stattdessen, ihm seine Hässlichkeit vorzuwerfen. Das Wesen hätte recht gehabt: Ihr Entsetzen stammte von seinem Anblick, doch die Schönheit, die sie von ihm fühlt, ist wahrhaftiger.
Das Wesen spricht weiter, bis sie sich schrecklich fühlt und um Verzeihung bittet. Es vergibt ihr sofort. Sie fragt sich, warum es ihr so leicht vergeben kann, wo sie sich doch selbst nicht verzeihen kann.
Das Wesen erklärt ihr, dass dieses Treffen von ihm und seiner Arbeit handelt. Sie erinnert sich noch an ein Gefühl der Schönheit, aber nicht die eines Anblicks bzw. einer Landschaft, sondern eher an die Schönheit einer Lebensweise.
Die Engel‑Frage
Die darauffolgende Begegnung rückt sie selbst ins Zentrum: ihre Identität, ihre Welt und ihre Zukunft. Drei mögliche Lebenspfade werden ihr offenbart – doch die absolute Klarheit darüber, welchen davon sie wählen würde, besaß sie seltsamerweise nur in der Gegenwart dieser Wesen. Diesmal ist sie nicht an einen Tisch geschnallt, sondern kann sich frei bewegen.
Erneut reagiert sie gewaltsam, als sie realisiert, dass die Erscheinung des Mantis-Wesens völlig fremdartig ist und allen ihr Bekannten widerspricht. Sie schreit, sie seien Teufel, sie würden lügen und tricksen, sie gehörten nicht hierher, Gott werde sie töten. Das Wesen scheint zornig zu werden. Es sagt, sie wisse nicht, wovon sie da rede – sie seien genauso ein Teil der Erde wie wir Menschen.
Das Wesen beendet den Streit sanft mit der Frage: „Würdest du einen Engel erkennen, wenn du einen sähest?“
Sie sagt: „Natürlich würde ich das.“
Er erwidert: „Vor wenigen Augenblicken, bevor du sahst, wie wir aussehen, dachtest du, wir seien Engel – und du warst ruhig. Wir haben uns nie selbst Engel genannt – das habt ihr getan. Als du uns sahest, wurdest du gewalttätig und hasserfüllt. Also: Würdest du einen Engel erkennen, wenn du einen sähest?“
Sie will weiter streiten, doch er sagt, er wolle nichts weiter von ihr hören, bis sie die Wahrheit kenne und akzeptiere.
Die Wesen ignorieren sie über lange Zeit hinweg; es kommt ihr vor wie viele Stunden. Sie beobachtet ihre Umgebung und bemerkt erstmals, dass dort noch andere Menschen sind. Das vertraute Wesen sitzt bei ihr, fast unmerklich. Irgendwann fragt es, ob sie bereit sei, sich zu entschuldigen. Ihre Stimmung beginnt zu weichen, während sie die unaufhörlich arbeitenden Wesen betrachtet.
Aber sie bleibt stur. Das Wesen ist ihr jetzt so nah – die großen mandelförmigen Augen, das dreieckige Gesicht, das alles in ihrem menschlichen Geist bloßlegt: Ihr Innerstes ist für ihn völlig offen.
In ihrer Not greift sie nach den einzigen moralischen Kategorien, die sie kennt, und urteilt: ‚Nur der Teufel würde so etwas tun‘. Gleich darauf schämt sich ihrer eigenen Hässlichkeit, für die Hässlichkeit ihrer Gedanken. Sie kann ihn nicht ansehen.
Sie will nach Hause und sucht einen Ausweg. Da alle beschäftigt sind, schleicht sie vom Tisch und geht auf eine Öffnung zu.
Plötzlich fragt das Wesen: „Wo denkst du hinzugehen?“
– „Ich gehe.“
– „Nein. Geh dich hinsetzen.“
Der Rest des Streits ist ihr entfallen; sie weiß nur, dass sie sagte, sie sei kein Kind. Er entgegnet, dann solle sie sich nicht wie eines verhalten. Sie soll sich wieder mit der ursprünglichen Frage beschäftigen:
„Würdest du einen Engel erkennen, wenn du einen sähest?“
Die anderen Wesen wirken fast mitleidig, aber das vertraute Wesen bleibt streng. Im Gegensatz zu davor wirkt es jedoch versöhnlicher und nicht mehr so distanziert. Sie lässt sich zu einer unaufrichtigen Entschuldigung hinreißen und bereut es sofort wieder, da sie weiß, dass das Wesen ihr Innerstes kennt.
Das Wesen sagt ihr: „Ich glaube an dich, trotz deiner Zweifel. Du hast den Verstand, zu verstehen und zu begreifen, wenn du es nur willst.“
Seine Güte und sein Glaube an sie erwecken in ihr die größte Scham. Als sie ihm fragt, ob er ihr dabei helfen könne, zu verstehen und es auch wirklich aufrichtig zu wollen, entgegnet er: „Nein, die Entscheidung liegt allein bei dir. Du bist eigensinnig; nutze diese Eigenschaft positiv für deine Entscheidungen und beginne zu lernen.“
Als Fazit berichtet sie, dass sie seine Worte befolgt habe. Es war ein weiter Weg, aber sie ist dankbar, ihn begangen zu haben. Ihr wurde klar, dass das Leben weit mehr ist als nur Schwarz und Weiß, ungeachtet dessen, wie sehr andere an diesem dualistischen Weltbild festhalten. „Es ist farbenprächtig bis ins Unermessliche und die Fortsetzung von etwas weitaus Größerem.“
Es hat sie jedoch nicht davon abgehalten, sich bei einer Begegnung über ihren intensiven kalmus- und nelkenartigen Körpergeruch zu beschweren, woraufhin das Wesen ihr entgegnete, dass sie unseren Körpergeruch als weitaus schlimmer empfänden. Sie erinnert sich außerdem an die Berührung seiner Haut, die sich ähnlich wie Gamsleder angefühlt hatte.
Quellen:
Abductee told by Mantid „We never called ourselves angels, you did.“ Kanal von Mantis Encounters. Beitrag vom 09.02.2025
Anne Strieber, Whitley Strieber: The Communion Letters (English Edition) Kindle Ausgabe. Crossroad Press, 2016. Kapitel: „Journey of a Wise Woman“.
Übersetzungen von mir.
Grafik: erzeugt mit künstlicher Intelligenz von Microsoft Bing