Familienerlebnisse

Als Abductee habe ich mich öfter gefragt, ob es in meiner Familie noch weitere Verbindungen zum Entführungsphänomen gibt. Beim Schreiben am Artikel über den Generationenaspekt ist diese Frage wieder in mir aufgekommen. Gleichzeitig sind den Abductees häufig bestimmte Persönlichkeitsmerkmale wie z.B. eine hohe Sensibilität und Intuition zu eigen. In meiner näheren Verwandtschaft habe ich einige dieser Parallelen wiedergefunden und bin immer wieder erstaunt darüber, wieviele dieser Ähnlichkeiten letztlich auf mich übergegangen sind.

Außerdem gibt es in jeder Familie gibt diese kleinen ungewöhnlichen Geschichten, über die man nur sehr selten spricht. An dieser Stelle möchte ich ein paar „meiner“ Familiengeschichten vorstellen. Vielleicht entdeckt der ein oder andere auch irgendetwas bei sich wieder und hat Lust, einen Teil dazu beizutragen.

Abductees wie Whitley Strieber versuchen manchmal Parallelen aus der Abstammung zu ziehen und glauben im amerikanischen Raum z.B. häufig indianische oder irische Vorfahren auszumachen. Ich denke dass es sich eher um geschichtliche Besonderheiten handelt, die mit dem jeweiligen Land oder Gebiet verknüpft sind.

Ich bin ein Mix aus Ost und West mit einer tragisch-abenteuerlichen Geschichte meiner Großeltern mütterlicherseits. Während der Nazi-Besatzung wurde mein Großvater aus dem Südwesten Frankreichs zum Arbeitsdienst in das heutige Tschechien verschleppt, was für ihn glücklicherweise glimpflich ausging. Irgendwann traf er dort meine Großmutter und sie wurde schließlich unverhofft schwanger. Während dieser Zeit bestand wieder die Möglichkeit zur Ausreise und meinen Großvater zog es verständlicherweise nach Frankreich. Er gab meiner Großmutter das Versprechen, nach Tschechien zurückzukehren und mit ihr eine Familie zu gründen. Die Wochen zogen ins Land, und während die Schwestern den Teufel an die Wand malten, glaubte meine Großmutter weiterhin unerschütterlich an das Versprechen. Nach drei Monaten stand er plötzlich da – sein Fahrzeug war unterwegs zusammengebrochen und er hatte sich irgendwie durchschlagen müssen. Diese Erzählung sagt viel über meinen Großvater aus. Für uns Kinder war er ein Louis de Funes, der gerne Faxen machte und in einem Mix aus Deutsch und Tschechisch mit uns sprach, doch im Hintergrund steckte eine besondere Sensibilität. Er war ein wahnsinnig liebevoller Mensch, und selbst wenn er einmal wegen seines Temperaments aus der Haut fuhr, konnte er niemanden weh tun.

Anfang der neunziger kamen vermehrt Ufo-Beiträge im Fernsehen. In einer Doku mit Budd Hopkins sah ich zum ersten Mal bewusst die Greys in der Zeichnung einer Betroffenen. Dort waren sie mehr als kleine Silhouetten im Nachtlicht dargestellt und ich erkannte die Szenerie wieder. Meine Mutter und meine Großeltern sahen sich diese Ufo-Sendungen ebenfalls an und informierten sich sogar darüber, wenn mal wieder was im Programm kam. Vor allem mein Großvater schien sehr davon fasziniert zu sein und irgendwann kam an zwei Gelegenheiten ein Erlebnis zur Sprache:

In jüngeren Jahren machten meine Eltern zusammen mit den Großeltern immer wieder Campingtouren durch Frankreich. Dabei übernachteten sie eines Nachts an einem größeren See. Mein Opa erzählte, dass er mitten in der Nacht aufgewacht wäre, weil er ein lautes summendes Geräusch gehört hatte. Er trat aus dem Zelt heraus und sagte, dass das Summen aus der Luft gekommen und irgendwie wie ein tosender Wind oder Rauschen überall um ihn herum gewesen wäre. Ich weiß nicht genau ob ein Licht darin involviert war, aber in den nächsten Tagen gab es einen Zeitungsbeitrag über eine Ufo-Sichtung in genau dieser Nacht bei jenem See, in dem sogar ein Pfarrer als Zeuge aufgeführt war. Als Abductee müssten eigentlich meine Alarmglocken anspringen, warum nirgendjemand sonst von den anderen aufgewacht war. Leider konnte ich meinen Großvater nie richtig dazu befragen und hätte natürlich gerne gewusst, was dabei noch passiert ist. Das Erlebnis hatte ihn jedoch bis ins Mark beeindruckt und man merkte ihm seine Anspannung und Gänsehaut beim Erzählen immer noch an. Und so habe ich meinen temperamentvollen Großvater nicht oft erlebt.

Die größte Seelenverwandtschaft bestand zu meiner Großmutter, die eine einfache, sehr fürsorgliche Frau war und ihr eigenes Wohl oft hinter dem der anderen zurücksteckte. Als Kinder gruselte sie uns manchmal plötzlich mit der Geschichte über ihre Eltern – gruselig deshalb, weil es unser Verständnis weit überstieg, aber sie diese Situation durchleben musste. Es war eine kinderreiche Familie und ein armes Leben, und auch ihren Vater beschrieb sie mit einer ungewöhnlichen Sensibilität und Melancholie. Manchmal brachte er Geld im Wirtshaus durch, was ihn hinterher noch trauriger machte. Eine zeitlang zog er mit den Kindern los, um von Tür zu Tür zu singen und Akkordeon zu spielen. Eines Tages sagte ihm ein Mann geradeheraus, dass er sich dafür schämen sollte. Das traf ihn ins Herz. Er nahm alle Kinder mit ins Gasthaus, bestellte sich ein letztes Mal etwas und sagte: „Von nun an hören wir damit auf.“ Bald darauf traf die Familie ein schwerer Schicksalsschlag: Die Mutter starb an Cholera und der Vater war darüber so unglücklich, dass er sich auf dem Dachboden erhängte, wo ihn die eigenen Kinder fanden. Die Geschwister waren fortan auf sich allein gestellt. Trotzdem fand ich bei meiner Großmutter eine besondere Ruhe und Gelassenheit, mit der sie auf das Leben schaute und die genauso auf mich abfärbte. Manchmal hieß es, dass sie vorwarnende Träume hatte. Es war wohl ein schlechtes Omen, wenn kleine Kinder oder schmutziges Wasser darin vorkamen.

Meine Mutter erzählte mir einmal, dass sie als Kind ein Wesen am Fenster gesehen hätte, während sie in einem Krankenzimmer lag, das sich nicht im Erdgeschoss befand. Sie bezeichnete es als „Hexe“ die etwas zu ihr sprach und lachte. Dieses Erlebnis brachte sie einige Male zur Sprache und glaubt, dass sie sich damals einige Zeit in einem Hort befand.  Sich selbst gegenüber versuchte sie es als Fieberwahn zu erklären. Gegenüber Ufos und Entführungen war sie zwar sehr aufgeschlossen, doch gleichzeitig verursacht es in ihr bis heute eine große Angst. Wenn ich ihr etwas über meine Erlebnisse erzählte, versuchte sie alle möglichen alternativen Erklärungen hervorzuzaubern und hatte in den folgenden Nächten dafür selbst ein paar komische Erlebnisse. Zum Beispiel beschrieb sie etwas wie eine Schlaflähmung, während sie ein Rauschen um sich herum hörte und gleichzeitig sah, wie „ich“ wortlos das Schlafzimmer betrat. Oder es gab nachts einen lauten Knall in der Wohnung, als ob ein Bild die Wand heruntergefallen wäre. Als sie sich endlich traute nach dem Rechten zu sehen, fand sie jedoch nichts Ungewöhnliches vor.

Meine Mutter vereint ganz klar die beiden Seiten ihrer Eltern in sich und ich finde diese Ähnlichkeiten wirklich verblüffend. Sie erzählte mir, dass sie in ihrem Leben immer wieder mal Vorahnungen hatte, wie z.B. das Gefühl als junge Frau, nachts auf dem Nachhauseweg einen bestimmten Weg meiden zu sollen.

Einmal ist mir und meiner Mutter ein Paralleltraum unterlaufen. Vor Jahren erzählte sie mir Mutter von einem Traum, in dem sie auf einer freien Fläche stand. Plötzlich stiegen hunderte tennisballgroße, gelbe Flugobjekte vom Himmel herab und schwebten um sie herum. Für sie waren diese Tennisbälle Außerirdische.

Ich erschrack daraufhin, weil mir sofort die Erinnerung an einen Traum wie ein Flashback in den Sinn kam, den ich selbst vor einiger Zeit (Jahre zuvor!) gehabt hatte. Ich träumte ebenfalls auf einer freien Fläche zu stehen und seltsamerweise glich sich sogar die Umgebung, nämlich eine hügelige Kulisse in der Ferne. Bei mir steigen die gleichen tennisballgroßen, gelben Flugobjekte vom Himmel, die ich als Außerirdische ansah.

In meinem Traum zertrat ich ein solches Flugobjekt ausversehen, wobei es in viele kleine Teile zersplitterte, und ich hatte ein schlechtes Gewissen. Meine Mutter berührte nur einen der kleinen Bälle. Sie erinnerte sich, dass noch ein fremder Mann bei ihr war. Ich sah noch eine Art Feuerball über den Himmel ziehen.

Mein Vater war angesichts solcher Erlebnisse der rationalere Teil und wollte eigentlich nicht viel davon hören. Von ihm habe ich vieles von meiner ruhigen Seite. Die Introvertiertheit war wiederum eine Eigenschaft seines Vaters. Doch es gab ein Ereignis in seinem Leben, das er nicht leugnen konnte und ihn tief bewegte, wenn er es zur Sprache brachte.

Mein Vater hatte als junger Mann einen schweren Autounfall auf der Autobahn, bei der er in die Leitplanke auf die Gegenspur krachte und dabei sogar noch durch die Frontscheibe geschleudert wurde. Während des ganzen Geschehens sah er die ganze Szenerie von oben, so als ob er über allem schweben würde. Alles spielte sich wie in Zeitlupe ab und er beobachtete, wie sein Körper unten ganz langsam aus dem Wagen katapultiert wurde. Der Unfall brachte meinen Vater zwar einen Krankenhausaufenthalt ein, doch er war wie durch ein Wunder nur leicht verletzt worden und trug keine bleibenden Schäden fort.

Mein Großvater väterlicherseits war ein sehr eigenbrötlerischer Mann, der mehr in seiner eigenen Welt lebte. Ich denke dass uns heute nicht bewusst ist, wie schwer diese Generation eigentlich traumatisiert worden ist. Das Leiden fand eher im Stillen statt, weil man seine Gefühle darüber nicht so offen zeigte. Auch mein Großvater war stark vom Krieg und den alten Rollenbildern seines Elternhauses geprägt. Seinen Vater beschrieb er als streng und distanziert und der Familienteil trägt wohl deutsch-österreichische Vorfahren. Mein Großvater war mit uns Kindern eher überfordert, weil wir seine gewohnte Ordnung störten. Er übertrug die Welt in ein eigenes System und daraus entstanden einige Marotten, wie z.B. eine merkwürdige Penibilität und die Erfindung einer eigenen Geheimsprache.

Andererseits ertappe ich mich immer wieder dabei, die Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu sehen und habe ebenso das Bedürfnis, das Unübersichtliche übersichtlich zu machen. Aus der Art, wie die Kriegserlebnisse auf meinen Großvater gewirkt hatten, konnte ich später im Erwachsenenalter das notwenige Verständnis aufbringen und Ähnlichkeiten zu meinen Reaktionen auf die Entführungserlebnisse erkennen. Mein Großvater konnte jedoch recht umgänglich sein und begann gerne viel zu erzählen wenn es etwas gab, das ihn sehr fesselte. Durch meine eigene Beschäftigung mit astronomischen Themen erfuhr ich von seinem Interesse am Weltraum. Er hatte zwei Bücher darüber zuhause, einen Klassiker von Carl Sagan und außerdem das Buch „Contact“, das als Vorlage für den späteren Kinofilm diente (einer meiner Lieblingsfilme). Die zwei Bücher schenkte er mir sogar, obwohl er darin sonst sehr eigen war und seine vielen Bücher meist nur hortete und sogar originalverpackt im Schrank stehen ließ.

Als wir nach seinem Tod die Wohnung auflösten, war ich schon sehr baff, als ich eine Schublade aufzog und mir ein Greykopf entgegenschaute. Es handelte sich dabei um Spielzeug aus Plastik und war ein billiger Recorder, mit dem man seine eigene Stimme aufnehmen und verfremdet wieder abspielen konnte. Das Ding war originalverpackt, die Beschreibung komplett auf englisch und chinesisch und hatte tatsächlich die Form und das Gesicht eines Grey-Kopfes :alien4: Da mein Großvater überhaupt kein Englisch konnte oder sonstwie Verwendung für so ein Ding hatte, frage ich mich bis heute, warum er es bei sich aufbewahrt und sogar getrennt in einer Schublade abgelegt hatte. Hat er in dem Grey-Kopf etwas wieder erkannt? Über etwas in dieser Richtung hat er mir gegenüber nie gesprochen. Ich nahm den Grey-Kopf auf einige Abductee-Treffen mit. Wir alberten damit herum, und irgendwann ging er verloren.

Im Nachhinein hätte ich gerne noch mehr von den alten Geschichten erfahren.

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